Nussschale von Ian McEwan

Ich zähle mich zu den Unschuldigen, und doch spiele ich offenbar eine Rolle in einem Komplott. Meine Mutter, gesegnet sei ihr unablässig laut mahlendes Herz, scheint darin verwickelt zu sein.

Meine Mutter ist in eine Verschwörung verwickelt, und folglich bin ich es auch, selbst wenn es mir zufiele, ihre Pläne zu durchkreuzen. Oder mich zu rächen, falls ich – zaudernder Narr, der ich bin – zu spät zur Welt komme.

Doch ich will nicht jammern, denn eigentlich habe ich Glück gehabt. Von Beginn an, als ich aus goldenem Tuch das Geschenk meines Bewusstseins wickelte, begriff ich, dass ich zu schlimmerer Zeit an schlimmerem Ort hätte ankommen können. Das Allgemeine steht bereits fest, meine familiären Probleme sind dagegen vernachlässigbar, sollten es zumindest sein. Es gibt Anlass zur Freude. Ich erbe alle Vorzüge der Moderne (Hygiene, Ferien, Narkosemittel, Leselampen, Apfelsinen im Winter) und lebe in einer privilegierten Gegend dieses Planeten, im wohlgenährten, seuchenfreien Westeuropa. Das alte Europa, verkalkt und überwiegend altersmilde, von den eigenen Geistern heimgesucht, wehrlos gegen Brutalität und Tyrannei, seiner selbst unsicher und zugleich ersehntes Ziel Millionen Leidender. Meine unmittelbare Umgebung wird indes nicht das unbeschwerte Norwegen sein – meine erste Wahl schon wegen des gewaltigen Staatsfonds und der großzügigen Sozialleistungen. Auch nicht Italien, wegen der Küche und des sonnengebadeten Verfalls meine zweite Wahl. Nicht einmal die dritte Wahl wird es sein, Frankreich mit seinem Pinot Noir und dem sorglosen Selbstbewusstsein seiner Bewohner. Stattdessen werde ich in einem ganz und gar nicht Vereinigten Königreich leben, regiert von einer allseits verehrten, betagten Queen, in welchem der Prinz – bekannt für seinen Geschäftssinn, seine guten Werke, seine Elixiere (Blumenkohlsud zur Reinigung des Blutes) und seine verfassungswidrigen Einmischungen – ungeduldig auf die Krone wartet. Dies wird meine Heimat sein, und sie wird genügen. Ich hätte auch in Nordkorea zur Welt kommen können, wo die Thronfolge zwar ebenso unangefochten ist, Freiheit und Essen aber zu wünschen übriglassen.

Wie kommt es, dass ich, der ich noch nicht einmal jung bin, noch nicht einmal von gestern, so viel weiß, oder doch genug weiß, um mich in so vielem irren zu können? Ich habe meine Quellen, ich lausche. Trudy, meine Mutter, hört, wenn sie nicht mit ihrem Freund Claude zusammen ist, gern Radio und lieber Wortbeiträge als Musik. Wer hätte in den Anfängen des Internets den unaufhaltsamen Aufstieg des Radios vorhergesehen? Oder die Renaissance des archaischen Wortes ›drahtlos‹? Über den Waschmaschinenlärm von Magen und Gedärm hinweg höre ich Nachrichten, diesen Born aller bösen Träume. Ein Drang zur Selbstkasteiung lässt mich aufmerksam alle Analysen, jeden Widerspruch verfolgen. Stündliche Wiederholungen und halbstündliche Kurzfassungen langweilen mich nicht. Ich dulde sogar den BBC World Service mit seinen infantilen Fanfaren – synthetische Trompeten und Xylophone – zwischen den einzelnen Beiträgen. In so mancher langen, ruhigen Nacht habe ich meiner Mutter einen hef‌tigen Tritt verpasst. Sie wurde wach, konnte nicht wieder einschlafen und tastete nach dem Radio. Grausam, ich weiß, aber am Morgen waren wir beide besser informiert.

McEwan, Ian
Diogenes Verlag AG
ISBN/EAN: 9783257244151
12,00 €
Kategorie:
Roman